Entsendung polnischer Arbeitskräfte nach Deutschland, nach Österreich und in die Schweiz nach dem 1.5.2011 Interview mit Tomasz

Redaktion Entsendung: Herr Major, macht die Entsendung überhaupt noch einen Sinn?

Tomasz Major, Geschäftsführender Partner in der Kanzlei Brighton&Wood (www.brightonwood.net , ehrenamtlicher Präsident der Polnischen Arbeitgeberkammer (www.ipp.org.pl): Ja, es hat vor dem EU-Beitritt Polens Sinn gemacht. Es ist jetzt lukrativ und nach dem 1.5.2011 wird es weiterhin interessant sein.

Was macht die Entsendung so spannend?

Das Arbeitsrecht und die Praxis seiner Anwendung in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der Schweiz sind unflexibel. Deutschen, österreichischen und schweizerischen Arbeitgebern bleibt nichts anderes übrig, als die Produktionsstätten in Deutschland zu schließen und/oder die Produktion ins Ausland zu verlagern. Eine gute Alternative ist die Einschaltung eines polnischen Dienstleistungsunternehmens. Noch besser ist es, ein eigenes Dienstleistungsunternehmen in Polen zu haben. Diejenigen, die diesen Rat von mir vor einigen Jahren gehört und dann ausgeführt haben, hören nichts von der Krise und machen nach wie vor gute Gewinne. Darüber hinaus kann man über die Entsendekonstellationen bestimmte günstige steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Regelungen in Anspruch nehmen, die in Polen gelten.

Was sind konkret die Vorteile der Entsendung?

Der polnische Arbeitnehmer ist flexibel. Er zieht zwar manchmal vor das Arbeitsgericht, macht dies aber nicht so oft, wie der deutsche oder der österreichische Arbeitnehmer. Im schlimmsten Fall wird er seinen polnischen Arbeitgeber in Polen verklagen, der ja aber gute Prozessbevollmächtigte hat. Die Anwendung polnischer Vorschriften im Bereich der Sozialabgaben und der Lohnsteuer wird nach dem 1.5.2011 zu einer konkreten Einsparung von 200 bis zu 700 EUR pro Arbeitnehmer und Monat führen. Natürlich vorausgesetzt, dass man die Vorschriften des Doppelbesteuerungsabkommens richtig anwendet. Dafür braucht man einen guten und erfahrenen Berater.

Man spricht viel über enormes Geld, dass man im Entsendegeschäft verdienen kann. Könnten Sie das Geheimnis etwas lüften?

Über die Zahlen bei den konkreten Unternehmen darf ich natürlich nicht reden. Wir haben in unserer Kanzlei letztes Jahr eine Umfrage gemacht. Wir haben das Zahlenwerk von 46 Unternehmen analysiert, die ihr Personal in Deutschland einsetzen. Im Schnitt gilt als Standardverdienst bei unseren Mandanten eine Gewinnmarge pro Arbeitnehmer und Monat zwischen 300 und 1000 EUR. Wir sind sehr Stolz, mehrere Mandanten zu betreuen, die mehr als 2000 EUR machen.

Vor dem EU-Beitritt Polens waren Sie in Deutschland sehr aktiv. Jetzt verzeichnen wir erneut Ihr Interesse am deutschen Markt. Wie kommt das?

Vor dem EU-Beitritt Polens habe ich viele Mandanten auf den Beitritt vorbereitet. Deutschland war und ist bis jetzt ein eher unproblematisches Land für Entsendeunternehmen. Relativ wenige Kontrollen, liberale Entsendevorschriften. In anderen Ländern (Norwegen, Frankreich, Niederland, Belgien, Schweiz u.a.) haben unsere Mandanten zunächst einmal um den Markt gekämpft. Dann kamen die Probleme, die wir lösen mussten. In der Zwischenzeit musste ich die Kanzlei stark ausbauen. Wir konnten die besten Mitarbeiter der polnischen Sozialversicherungsanstalt und anderer für die Entsendung zuständiger Behörden überzeugen, zu uns zu kommen und für unsere Mandanten tätig zu sein. Durch unseren Input hat die Polnische Arbeitgeberkammer in Deutschland zwei Büros errichtet. In der Schweiz zwei weitere, in der Ukraine, die unerschlossener Arbeitsreservoir ist, gibt es auch zwei. Auch in Rumänien und in Bulgarien haben wir Dependancen. Der 1.5.2011 gibt uns einerseits die Möglichkeit, den deutschen Markt für neue polnische Dienstleistungsunternehmen attraktiv zu gestalten. Andererseits will ich deutsche Unternehmen überzeugen, polnische Dienstleister mit deren polnischen Arbeitnehmern in Anspruch zu nehmen. Gut etablierte deutsche Dienstleister will ich überzeugen, vielleicht mal eine Dependance in Polen zu eröffnen oder sogar einen entsendefähigen polnischen Dienstleister zu kaufen.

Was würden Sie den Unternehmen raten, die in das Entsendegeschäft einsteigen wollen?

Know-how ist in diesem Geschäft alles.

Wie kommt man an dieses Know-how?

Gute Beratung in Anspruch nehmen. Gute ständige Betreuung in Anspruch nehmen. Auf keine Schamanen (Anwälte, Steuerberater, Unternehmensberater, Buchhalter) hören, auch wenn sie schöne Webseiten haben und auch wenn sie behaupten, in Polen ein Büro zu unterhalten. Die Einzelgänger, alle „Pipek & Kollegen“, sind in diesem Geschäft schlechte Berater. Große, namhafte Beratungskanzleien kann ich empfehlen. Es sind ca. sieben am Markt. Alle „leider“ international ausgerichtet. In einigen gibt es allerdings deutschsprachige Berater. Und das wichtigste: Das komplette Know-how rund um die Entsendung polnischer Arbeitnehmer nach Deutschland befindet sich in Polen. Ich rate ab, Beratung ausschließlich in Deutschland oder über Deutschland in Anspruch zu nehmen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.